Die Expertise von Jörg Fischer, FH Erfurt, untersucht, wie Bund und Länder integrierte kommunale Ansätze zur Prävention von Kinder‑ und Jugendarmut stärken können (im Kontext des Nationalen Aktionsplans zur EU‑Kindergarantie). Sie stellt fest, dass Armut ein lebenslagenübergreifendes, vielschichtiges Phänomen ist und Kommunen als zentraler Umsetzungsort zwar wirksame Ansätze (z. B. Frühe Hilfen, Präventionsketten) entwickeln, diese aber oft projektbezogen, unterfinanziert und nicht flächendeckend sind. Erfolgreiche kommunale Prävention muss aktiv, integriert, vernetzt und vorbeugend sein und erfordert politische Führung, dauerhafte Koordination, langfristige Finanzierung, Wirkungsmonitoring und partizipative Einbindung Betroffener. Bund und Länder sollten den Transfer von Modellprojekten in Regelinstrumente systematisch fördern, ressortübergreifend kooperieren und eine nationale Koordinations‑/Wissensstelle (z. B. ein Nationales Zentrum für Armutsprävention) unterstützen.
Zentrale Befunde:
- Armut ist ein lebenslagenübergreifendes Phänomen: materielle Versorgung, Gesundheit, Bildung, soziale und kulturelle Teilhabe sind verknüpft. Die Folgen verstärken sich zirkulär (Scham, Exklusion)
- Kommunen sind zentraler Umsetzungsort, haben aber begrenzte Möglichkeiten, Ursachen von Armut zu beseitigen. Ihr Beitrag kann vor allem in der Abmilderung von Folgen und der Gestaltung förderlicher Verhältnisse vor Ort liegen
- Erfolgreiche Ansätze (z.B. Frühe Hilfen, Präventionsketten, lokale Bildungslandschaften) zeigen Wirkung, bleiben jedoch oft projektbezogen und nicht flächendeckend oder dauerhaft finanziert
- Gelingende Prävention ist:
Aktiv (Politisch getragen)
Integriert (fachübergreifend, lebenslagenorientiert)
Vernetzt (multiprofessionell, zivilgesellschaftlich)
Präventiv (früh, niederschwellig)
Gelingensfaktoren – direkt relevant für Kommunen:
- Haltung: Armutsbekämpfung als Chefsache in Politik und Verwaltung; gemeinsames Verständnis von Zielen und Gerechtigkeit
- Strukturen: dauerhafte Koordinationsstelle/Koordination von Armutsprävention; Steuerungsgremien mit Rückkopplung an Politik
- Prozesse: langfristige Planung (über Wahlperioden hinaus), Wirkungsorientierung, Konfliktmanagement, personelle Kontinuität
- Inhalte: klar operationalisierte Ziele und Meilensteine, lebenslagenorientierte Angebote, Ausweitung erfolgreicher Frühe-Hilfen-Elemente bis in die Schulzeit
Konkrete Empfehlungen für die kommunale Verwaltung (kurz- und mittelfristig)
- Sichtbarkeit und Steuerung
Armutsprävention zur strategischen Aufgabe erklären (Beschluss/Leitlinie) und eine namentlich genannte Koordinationsstelle errichten
- Strukturaufbau
Netzwerkkoordinatoren/Koordinatorinnen für Präventionsketten und Frühe Hilfen finanzieren, vernetzte Steuerungsstrukturen (Steuerungsgruppe mit Politik, Verwaltung, Trägern) etablieren
- Angebotsentwicklung
Niederschwellige, frühzeitige Zugänge ausbauen, Frühe Hilfen entlang der Biografie bis Schule/Übergang ausdehnen
- Monitoring & Evaluation
lokalen Armutsbericht erstellen, Indikatoren definieren, Wirkungsdaten sammeln und nutzen
- Partizipation
Beteiligungsformate mit Betroffenen institutionalisiert einführen (niederschwellig und schambeachtend)
- Ressourcenmobilisierung
Fördermöglichkeiten systematisch nutzen und auf Regelfinanzierung/Transfer drängen; Interkommunale Kooperation
Empfehlungen für die Fachöffentlichkeit (Wissenschaft & Praxisberatung)
- Evidenzaufbau: Wirkungsevaluation von Vernetzungsansätzen priorisieren
- Transferforschung: Wie lassen sich Modellprojekte nachhaltig in Regelsysteme überführen? Best-Practice-Leitfäden erarbeiten
- Qualifizierung: Curriculum für partizipative Methoden und Reflexion zu Bevormundungsrisiken entwickeln
Vorschlag für erste operative Schritte in Kommunen (Praxis-Checkliste)
- Kurzfristig (0-6 Monate): Leitbeschluss zur Armutsprävention; Benennung eines Koordinationsverantwortlichen; Bestandsaufnahme bestehender Angebote und Akteure
- Mittelfristig (6-18 Monate): Erstellung eines lokalen Armutsberichts, Aufbau einer Steuerungsgruppe
- Mittelfristig/longterm (18-36 Monate): Pilotisierung von erweiterten Frühe-Hilfen/Präventionsketten bis zur Schule; Evaluation und Vorbereitung für Regelfinanzierung